135 Jahre nach Rerum novarum - die neuen Dinge: von der Arbeiterfrage zur KI.
Leo XIV: "Wir wollen gemeinsam mit [den Menschen] neue Wege zur Verwirklichung des Gemeinwohls und zur Förderung eines würdigen Lebens für alle finden. (...) In diesem Geiste veröffentlichte Leo XIII. im Jahr 1891 die Enzyklika „Rerum novarum“, deren 135-jährigen Jahrestag wir in nun mit großer Dankbarkeit begehen. Mit jenem Dokument gab mein geliebter Vorgänger den Anstoß zu jener Reflexion über Gesellschaft, Wirtschaft und Politik, die wir heute als „Soziallehre der Kirche“ bezeichnen. Und als einige einwandten, die Kirche solle keine Energie auf weltliche Angelegenheiten verschwenden, sondern sich vielmehr darauf konzentrieren, eine Botschaft des ewigen Lebens zu vermitteln, antwortete er mit Realismus und Weisheit, dass die Verkündigung des Evangeliums das konkrete Leben der Menschen nicht außer Acht lassen darf. (3)"
Papst Leo XIV. unterschrieb am 15. Mai 2026 mit „Magnifica humanitas“ seine erste Enzyklika, die die katholische Soziallehre ins Zeitalter der Künstlichen Intelligenz (KI) überträgt. Ausgangspunkt ist der 135. Jahrestag – der 15. Mai 1891 - von Rerum novarum. Die zentrale Frage lautet: Wie bleibt der Mensch im technologischen Wandel Träger von Würde, Freiheit und Verantwortung?
Die Enzyklika beschreibt die heutige Gegenwart, in der wir mit der KI und ihren großen Baustellen bereits leben (90) – sie ist kein Schreiben über die KI. Die Enzyklika sei - so Papst Leo XIV bei der Pressekonferenz – im Zuhören entstanden. Er bemerkt jedoch: „Ich habe auch das Schweigen derer gehört, die nicht gehört werden.“
Die Enzyklika beginnt mit einer grundlegenden Entscheidungsperspektive: „Die von Gott geschaffene großartige Menschheit steht heute vor einer entscheidenden Wahl: Entweder sie errichtet einen neuen Turm zu Babel (7) oder sie erbaut die Stadt [ wie Nehemia ein neues Jerusalen], in der Gott und die Menschheit gemeinsam wohnen.“ (8)
Professorin Anna Rowlands verwies bei der Pressekonferenz auf die integrale Ökologie von Papst Franziskus in laudato si und die Fortschreibung eines integralen Humanismus durch den neuen Papst.
Technologie wird dabei weder dämonisiert noch idealisiert. Sie sei „nicht als eine menschenfeindliche Kraft zu betrachten“ (4), zugleich aber auch nicht neutral, da sie „die Züge derer annimmt, die sie konzipieren, finanzieren, regulieren und nutzen“ (9) . Daraus folgt die Forderung nach ethischer Verantwortung und klarer Orientierung am Gemeinwohl (2, 59f).
Ein zentraler Gedanke ist, dass KI dem Menschen dienen muss und nicht umgekehrt. Deshalb wird betont: „Künstliche Intelligenz muss entwaffnet werden“ – ein Bild für die Forderung, sie aus Logiken von Krieg, Kontrolle und Machtkonzentration herauszulösen (110).
Besonders kritisch sieht der Papst die Gefahr, dass digitale Technologien Macht und Ressourcen in den Händen weniger konzentrieren und thematisiert durchgängig in der Enzyklika das Gemeinwohl. Dazu schreibt er: „„Die Technologien dürften sich nicht in der Hand weniger konzentrieren, da so die Kluft zwischen Teilhabenden und von der digitalen Revolution Ausgeschlossenen vergrößert werde“ (67)
Im fünften Kapitel – so schreibt der Vatikan selbst – richtet Leo XIV. den Blick auf den Krieg: „Die digitale Revolution verändert die Grammatik von Konflikten“. Ohne eine ethische Grundlage würden die Entscheidungen über Leben und Tod der Menschen immer unpersönlicher, der Einsatz von Gewalt „zu einer unmittelbaren und gangbaren Option“ (182-183). Grundlage sei eine „Kultur der Macht“, welche den Krieg normalisiere und als „Instrument der internationalen Politik“ rehabilitiere, indem sie die Aufrüstung unterstütze.
Den Faden soziale Gerechtigkeit greift der Papst mit Leo XIII auf: Einen „entscheidenden Prüfstein“ in diesem Bereich sieht Leo XIV. im Umgang mit Migranten: Die Art und Weise, wie eine Gesellschaft mit ihnen umgehe, „zeigt, ob ihr Gerechtigkeitsbegriff – ihre Moral - von Angst oder von Geschwisterlichkeit geleitet ist“. (81) Andernfalls setzen diejenigen, die KI kontrollieren ihre eigene moralische Auffassung durch, und diese wird zur unsichtbaren Infrastruktur der Systeme. „Eine moralischere KI nützt nichts, wenn diese Moral von wenigen bestimmt wird“ (107)
Auch Kommunikation und Öffentlichkeit werden thematisiert: Es brauche eine „Ökologie der Kommunikation“ (137), die Wahrheit, Transparenz und Verantwortung schützt und Menschen nicht durch Algorithmen reduziert oder manipuliert.
Zentral ist auch die Idee, dass Bildung zum Gemeinwohl (147) befähigen soll. Der Papst fordert eine Bildung, die ethisches Denken stärkt, Wahrheit und Verantwortung fördert, digitale Kompetenzen vermittelt und Solidarität und Gemeinschaft in den Mittelpunkt stellt.
Am Ende steht eine grundlegende Weichenstellung: Technik kann Gemeinwohl, Frieden und Entwicklung fördern – oder soziale Spaltung vertiefen. Ziel der Enzyklika ist daher eine „großartige (aber verwundete) Menschheit“ (126), in der Technologie den Menschen stärkt, ihn nicht ersetzt.
„Die Wurzel dieser Probleme liegt in einer technokratischen und posthumanistischen Mentalität, die dazu neigt, den Menschen als manipulierbares Objekt oder als zu optimierende Ressource zu betrachten, und dabei alles zu beseitigen, was der Gewinnmaximierung Grenzen setzt: Was zählt, ist Effizienz, nicht die Achtung der Freiheit und Menschenwürde. Einige posthumanistische Strömungen gehen sogar so weit, von „Menschen zweiter Klasse“ zu sprechen, die den Interessen von Eliten dienen, die sich selbst als überlegen betrachten.“ (172)
Wie sagte/fragte Professorin Rowlands beim Pressegespräch zur Vorstellung der Enzyklika: „Wie entwickeln wir Technologien, die eine gute Botschaft für alle bilden?“
Es sei jedem selbst gegeben, die abschließenden Gedanken von Papst Leo zum Lied der Hoffnung: dem Magnifikat – dem Gesang Mariens in Lk 1,46-55 - als Meditation den inhaltlich dicht geführten Texten anzuschließen (243 – 245)
Ein „Dubbel Merci“ richten wir Aachener an Papst Leo XIV für seine neue Enzyklika.
Mit dem Leitantrag Arbeit.Macht.Sinn hat die KAB Deutschlands in den 10er Jahren in Krefeld Weichen für eine intensive Auseinandersetzung mit den Herausforderungen der Digitalisierung auf die Arbeitswelt, auf die wirtschaftlichen Herrschaftsstrukturen und auf ein weiteres Öffnen der Schere zwischen Arm und Reich gestellt. Unsere Kernaussagen zur Erosion der Erwerbsarbeit und ihrer Prekarisierung, zur machtkritischen Auseinandersetzung mit Politik, Kapital und Finanzmärkten und zum (Sinn)vollen Aufbau einer Zivilisation der Liebe finden wir in dieser Enzyklika wieder.
Im herzlichen Sinne des rheinischen Katholizismus sagen wir:
„Dat häs de joot jemaat - Komm uns ens besöke!“